Samstag, 16. Februar 2008

Deutsche Kinder und Jugendliche – Opfer ihres Medienkonsums

Gestützt auf eine seit 2005 laufende Untersuchung von 1.000 Berliner Kindern und einem Experiment zu den Auswirkungen unterschiedlicher Freizeitbeschäftigungen auf die Konzentrationsleistung zeigt sich ganz klar:

Je mehr Zeit Schülerinnen und Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter fallen die Schulnoten aus.

Bereits als Viertklässler verfügen die vier PISA-Verlierergruppen in ihren Kinderzimmern über eine erheblich größere Ausstattung mit Fernseher, Spielkonsole und Computer als ihre jeweilige Gegengruppe. So besitzen die Jungen zu 38 Prozent eine eigene Spielkonsole, Mädchen dagegen nur zu 16 Prozent. Bei Migrantenkindern im Vergleich zu deutschen Kindern fällt hier der Unterschied mit 44 Prozent zu 22 Prozent ähnlich groß aus. Er wächst sogar auf 43 Prozent zu 11 Prozent, wenn wir Kinder aus bildungsfernen Familien (beide Eltern höchstens Hauptschulabschluss) mit solchen aus der bildungsnahen Mittelschicht vergleichen (mindestens ein Elternteil Akademiker).
Beim Fernseher zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Norddeutsche Kinder verfügen zu 42 Prozent über ein eigenes TV-Gerät, süddeutsche nur zu 27 Prozent. 10-Jährige aus Migrantenfamilien liegen mit 52 zu 32 vor den deutschen Kindern. Und erneut ergibt sich der größte Unterschied, wenn wir nach dem Bildungsniveau der Eltern unterscheiden (bildungsfernes Elternhaus: 57 %, bildungsnahe Mittelschicht 16 %).
Als Folge dieser Ausstattungsunterschiede bei Mediengeräten weisen die PISA-Verlierer schon als 10-Jährige und später als 15-Jährige einen weit höheren und auch inhaltlich problematischeren Medienkonsum auf als ihre bei PISA besser abschneidenden Vergleichsgruppen. Dies belegen zwei vom KFN durchgeführte Querschnittsbefragungen von 5.500 Viertklässlern und 17.000 Neuntklässlern.
Welche Konsequenzen müssen daraus gezogen werden?
  • Die Eltern müssen bundesweit über die Schulen gezielt darüber aufklären, wie negativ sich extensiver Medienkonsum auf Schulleistungen auswirkt. Und wir sollten ihnen eine klare Botschaft vermitteln: Bildschirmgeräte gehören nicht ins Kinderzimmer.
  • Der Jugendmedienschutz entfaltet nach wie vor nicht die erhoffte Wirkung. Kinder und Jugendliche kommen relativ problemlos an Filme und Spiele heran, die als jugendgefährdend anzusehen sind. Ein Weg dies zu verhindern, wäre der Einsatz von Jugendlichen als Testkäufer.
  • Wir müssen alles daran setzen, die Nachmittage der PISA-Verlierer vor einem ausufernden Medienkonsum zu retten. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation wird nur über die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen zu erreichen sein, die nachmittags primär einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, kulturelles und soziales Lernen.
  • Und schließlich müssen wir auf ein gravierendes Problem hinweisen: Die wachsende Computerspielabhängigkeit von Jungen. Wir können deswegen nicht akzeptieren, dass beispielsweise das Spiel „World of Warcraft“ weiterhin ab 12 Jahre frei gegeben bleibt, obwohl inzwischen klar ist, dass 15-jährige Spieler mit diesem Spiel im Durchschnitt pro Tag 4 ½ Stunden verbringen und viele von ihnen in suchtartiges Spielen geraten. Zur Entstehung dieses Phänomens benötigen wir zum einen mehr Forschung, zum anderen Modellversuche zur praktischen Erprobung von Therapie- und Präventionskonzepten.

Freitag, 15. Februar 2008

Tabakkonsum nimmt weltweit zu

NEW YORK. Alle sechs Sekunden stirbt ein Mensch an den Folgen des Rauchens. Im 20. Jahrhundert habe das Rauchen 100 Millionen Menschen getötet, heißt es im ersten umfassenden Welt-Tabak-Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ohne Eindämmung des zunehmenden Tabakkonsums könnten es im 21. Jahrhundert eine Milliarde Tote werden. In Deutschland raucht dem Bericht zufolge rund ein Viertel der Erwachsenen, knapp 20 Millionen - jeder dritte Mann und jede vierte bis fünfte Frau.

Die WHO präsentiert sechs Schlüssel-Maßnahmen, um den weltweit wachsenden Tabakkonsum einzudämmen. Dazu gehören die höhere Besteuerung von Tabak, ein striktes Verbot von Zigarettenwerbung sowie Aufklärung und Hilfsprogramme für Raucher, die von der Sucht los kommen wollen. Dem Bericht zufolge verdienen Regierungen mit der Tabaksteuer weltweit 137 Milliarden Euro im Jahr, geben aber nur 0,2 Prozent davon für Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums aus.

Die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum, Martina Pötschke-Langer, sprach sich für weitere Erhöhungen der Tabaksteuer aus. Wenn der Preis ansteige, verringere sich der Konsum. "Dank der fünf kleinen Anhebungen in den Jahren 2002 bis 2005 ist der Zigarettenmarkt eingebrochen." Das zeige sich etwa bei Jugendlichen: "Nach einem deutlichen Anstieg in den 90er Jahren ist das Rauchverhalten bei Kindern und Jugendlichen inzwischen drastisch zurückgegangen - von 28 Prozent im Jahr 2001 auf 18 Prozent im vergangenen Jahr."

Für den Welt-Tabak-Bericht hat die WHO Daten aus 179 ihrer Mitgliedsstaaten zusammengetragen, die Zahlen erfassen 99 Prozent der Weltbevölkerung. Weltweit gibt es demnach mehr als eine Milliarde Raucher. Zwei Drittel davon leben in nur zehn Ländern, darunter Deutschland, Japan und die USA. Während jedoch in den Industrieländern die Tendenz zum Rauchen nachlasse, griffen in den Entwicklungsländern immer mehr Menschen zum Glimmstängel, betonte die WHO. Die Werbung ziele dort besonders auf Jugendliche und junge Frauen. Rund 80 Prozent der Raucher kommen demnach bereits heute aus Schwellen- und Entwicklungsländern.

Vier von fünf Rauchern wollten von ihrer Sucht wegkommen, berichtet die Organisation der Vereinten Nationen. Wichtig seien daher neben Aufklärung auch Hilfsangebote. Krebsforscherin Pötschke-Langer machte sich für Schockfotos etwa von Raucherlungen oder braunen Zahnstummeln auf Zigarettenpackungen stark. "Wer 20 Zigaretten pro Tag raucht, sieht diese Bilder 7000 Mal im Jahr", sagte sie. Daneben müsse unbedingt eine Hotline-Nummer stehen, bei der sich Raucher Tipps für ein rauchfreies Leben holen könnten.

Rauchen ist nach WHO-Angaben Risikofaktor für sechs der acht führenden Todesursachen weltweit. Einer von zehn Todesfällen bei Erwachsenen gehe auf Tabak zurück, insgesamt 5,4 Millionen pro Jahr. Tabak töte bis zu jeden zweiten Konsumenten. Fast die Hälfte aller Kinder der Welt sei durch Passivrauchen belastet. Wegen des zeitlichen Verzugs zwischen Tabakkonsum und resultierenden Gesundheitsschäden habe die "Tabakepidemie" gerade erst begonnen, befürchtet die Weltgesundheitsorganisation. (ap/dpa)

Donnerstag, 24. Januar 2008

Alkoholkonsum vieler Jugendlicher steigt besorgniserregend

Berlin (dpa) - Der Alkoholkonsum bei zahlreichen Jugendlichen zwischen 11 und 15 Jahren in Deutschland steigt einer Suchtstudie zufolge besorgniserregend. Das berichtete die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bei der Vorstellung des Jahrbuchs Sucht 2008 in Berlin.
Während Jugendliche in dieser Altersgruppe generell weniger trinken, gibt es eine kleinere, aber stetig wachsende Gruppe, die überproportional viel trinkt. Demnach lässt sich rund ein Viertel der Jugendlichen mindestens einmal im Monat auf das sogenannte Binge-Drinking - also Rauschtrinken - ein.
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), relativierte die Ergebnisse. Sie wies darauf hin, dass die DHS in ihrem Bericht Jugendliche bis 15 Jahren untersucht hat, während das Problem des starken Alkoholkonsums vor allem bei 17-Jährigen zunehme. Dadurch würde sich auch eine andere Gesamtentwicklung ergeben: So sei die bei den 12- bis 17-Jährigen getrunkene Alkoholmenge auch insgesamt wieder gestiegen, sagte Bätzing. Außerdem habe die DHS Zahlen bis 2006 verwendet, während aktuelle Studien aus 2007 einen steigenden Alkoholkonsum belegten.
Der starke Alkoholkonsum ist laut DHS allerdings nicht nur ein Problem der Jugendlichen. "Deutschland zählt schon seit Jahren zu den fünf führenden alkoholtrinkenden Nationen weltweit", sagte der stellvertretende DHS-Geschäftsführer Raphael Gaßmann. "Zehn Prozent der Konsumenten trinken rund die Hälfte des verkauften Alkohols." Darüber hinaus machten die Erwachsenen den Jugendlichen das übermäßige Trinken vor: "Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt ein großes Binge-Drinking-Festival (Rauschtrinken), für das Deutschland weltweit berühmt ist - und das ist das Oktoberfest."
Laut dem Sucht-Jahrbuch bestätigte sich der Trend, wonach mittlerweile weniger Jugendliche rauchen oder Cannabis konsumieren als noch vor einigen Jahren. Aktuellen Daten zufolge liegen die 2006 ermittelten Quoten unter denen von 1994. Gleichzeitig beginnen die Jugendlichen weiterhin relativ früh mit dem Konsum von Tabak und Cannabis. So fangen Mädchen und Jungen durchschnittlich im 13. Lebensjahr mit dem Rauchen an und kommen im 15. Lebensjahr zum ersten Mal mit Cannabis in Kontakt.

Mittwoch, 28. November 2007

Neues aus Afghanistan - Opium statt Kinderkrippe

Ein Hund bellt, eine Kuh und ein paar Schafe gehören auch zum Haus. Und eine Menge Kinder. Die älteren helfen bei der beschwerlichen Arbeit des Teppichknüpfens, die kleinen im Alter zwischen einem Monat und einem Jahr schlafen friedlich ­ dank einer kleinen Dosis Opium.
"Es ist ganz normal hier, kleinen Kindern Opium zu geben, damit sie uns nicht bei unserer Arbeit stören", sagt Nasira, eine der Teppichknüpferinnen. Die 28-Jährige und die anderen Frauen haben ihre Burkas übergezogen, weil fremde Männer zu Besuch sind. Die Frauen arbeiten den ganzen Tag an den Teppichen. Die meisten Familien hier im Bezirk Daulat Abad in der Provinz Balch nahe der Grenze zu Turkmenistan und Usbekistan verdienen ihr Geld mit dem Knüpfen. Nach vier Monaten wird der Teppich, an dem die Frauen im Hof gerade arbeiten, fertig sein. Die 400 Euro, die sie dafür bekommen, müssen sie sich teilen.
Das Opium macht die Säuglinge oft für ihr Leben lang abhängig. Ein Drittel der Opiumsüchtigen des Landes lebt laut einer UN-Statistik von 2005 im Norden Afghanistans. Das Land ist weltweit der größte Produzent für die Droge, aus der auch Heroin hergestellt wird.
Auch der Mann einer der Teppichknüpferinnen wurde schon im Alter von wenigen Monaten von seiner Mutter mit Opium ruhig gestellt, während sie Teppiche knüpfte. "Als ich ein Baby war, gab mir meine Mutter Opium", sagt Aka Murat. "Mit etwa zwei Jahren dann war ich bereits daran gewöhnt, Opium zu nehmen.
Wenn ich heute nicht zwei Mal am Tag Opium bekomme, habe ich Schmerzen und benehme mich wie ein Verrückter", erzählt der 40-Jährige, der in seinem Laden Kleidung verkauft. Das Opium für die Familie verschlingt etwa die Hälfte seines Einkommens. "Um Opium zu kaufen, geben wir jeden Tag 300 Afghani (rund vier Euro) aus", rechnet Murat vor.
Die lebenslange Abhängigkeit könnte leicht verhindert werden. "Wenn wir einen Kindergarten hätten, bräuchten wir unseren Kindern kein Opium zu geben und auch kein Geld dafür auszugeben", sagt Nasira. "Und ich bin mir sicher, dass in zehn Jahren dann niemand mehr hier Opium nehmen würde."
In Masar-i-Scharif, der 50 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt, gibt es Kinderkrippen, im Bezirk Daulat Abad jedoch keine einzige. "In den nächsten fünf Jahren wollen wir vier Kindergärten bauen, einen davon in Daulat Abad", sagt die Chefin der Provinzbehörde für Arbeit und Soziales, Fausia Hamidi.
Die Versuche der afghanischen Regierung, den Drogenanbau mit Hilfe Großbritanniens und der USA in den Griff zu bekommen, sind gescheitert. In diesem Jahr produzierte Afghanistan nach Angaben der UNO 8200 Tonnen Opium, das sind 34 Prozent mehr als 2006. Die Provinz Balch hingegen zählt laut dem Bericht inzwischen zu den 13 Provinzen, in denen offiziell kein Opium mehr angebaut wird. Während der Preis für Opium in Afghanistan aufgrund der höheren Produktion gefallen ist, stieg er in Balch. Statt 2500 Afghani (36 Euro) kostet ein Kilo der Droge dort inzwischen bis zu 4000 Afghani. "Noch vor zwei Jahren baute hier jeder auf seinem Land Opium an und der Preis war entsprechend niedrig. Man bekam es überall", sagt der 46-jährige Bauer Schajemardan Kol, der früher selbst Opium für den Eigenbedarf pflanzte. "Jetzt ist der Preis gestiegen und wir müssen sogar suchen, um überhaupt welches zu bekommen."

Donnerstag, 6. September 2007

Blutbad mit Autobomben vereitelt

KARLSRUHE. Kurz vor dem Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001 haben die Sicherheitsbehörden offenbar blutige Bombenattentate auf US-Bürger in Deutschland vereitelt: Drei mutmaßliche islamistische Terroristen wurden verhaftet, gegen fünf weitere wird ermittelt. Spekulationen über weitere Haftbefehle sind laut Bundesanwaltschaft aber "Quatsch".
Die drei Männer wollten gleichzeitig Autobomben vor mehreren US-Einrichtungen zünden und so ein möglichst großes Blutbad anrichten, wie Generalbundesanwältin Monika Harms und der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, gestern in Karlsruhe mitteilten. Die drei hätten schon über Zünder und über zwölf Fässer mit 730 Kilogramm Wasserstoffperoxid-Lösung verfügt. Das hätte laut Ziercke für eine höhere Sprengkraft als bei den Anschlägen von Madrid und London genügt. Die Polizei hatte die Verdächtigen allerdings monatelang beobachtet und ihre Fässer heimlich gegen andere mit harmlosem Inhalt ausgetauscht. Gestern griffen Beamte des BKA und der Spezialeinheit GSG 9 zu und nahmen die Männer in Medebach-Oberschledorn (NRW) fest, da die Gruppe abtauchen wollte.
Die Verdächtigen - zwei zum Islam konvertierte Deutsche sowie ein Türke - werden der El-Kaida-nahen "Islamischen Dschihad-Union" zugerechnet und sollen in Nordpakistan eine Terroristenausbildung absolviert haben. Sie stammen aus Ulm, Saarbrücken und Hessen. Laut Saarländischem LKA sollen sie auch weniger konkrete Überlegungen über Selbstmordattentate angestellt haben. Der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof erließ gegen sie gestern Haftbefehle wegen des dringenden Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags.
Mit Dank und Anerkennung haben Bundeskanzlerin Merkel und US-Präsident Bush auf die Festnahmen reagiert. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble regte eine Sondersitzung der Innenministerkonferenz noch in dieser Woche an. Der Zentralrat der Muslime begrüßte die Festnahmen. Es sei Bürger- und Muslimpflicht, Extremismus zu melden. (dpa/ap)

VIDEO > tagesschau vom 05.09.2007